Einfach mal zuhören…

Wie geht es dir in dieser Zeit? Ich empfinde sie, als eine Zeit, die jedem von uns sehr viel abverlangt.

Eine Zeit, die uns Frauen extrem fordert, auch wenn es uns oftmals schwerfällt das zuzugeben und offen anzusprechen.

Wenn wir gefragt werden, wie es uns geht, sagen wir halt „GUT“ oder „Alles okay“.

Doch dabei geht es so vielen gerade überhaupt nicht „GUT“ und von „Alles okay“ sind wir ganz schön weit entfernt.

So viele schieben Schicht für Schicht bei der Arbeit, bewältigen das Homeschooling, sorgen für ihre Familie und gehen weit über ihre Belastungsgrenzen hinaus. 

Wie soll es einem dabei gut gehen? 
Dazu kommt die quälende Ungewissheit, wie langer dauert das Ganze noch an? 
Welche Folgen hat diese Zeit für uns alle? 
Um nur mal ein paar zu nennen. 

Das sind Fragen, auf die gerade keiner eine Antwort hat. 
Genauso wenig, wie jemand sagen kann, ob das alles gerade richtig oder falsch ist.
Wir waren, jedenfalls meine Generation, noch nie in so einer Situation, deshalb empfinde ich es als sehr schwierig zu sagen, was wirklich richtig oder falsch ist. 

Aber mein Gefühl ist, das geht lang nicht allen so.
In vielen Unterhaltungen fällt es mir extrem auf, dass Gesprächspartner ständig ungebetene Ratschläge erteilen.  
Du brauchst nur zu sagen; 
„Mir geht es nicht gut“, so kommen bestimmt lieb gemeinte Ideen, was du nur ändern brauchst und welche Lösungen es in der Situation gibt. 

Kein Wunder, dass so viele sich in einer „Mir geht es gut“ Floskel wohler fühlen. 


Diese Woche haben mich viele Nachrichten erreicht. 
Auch viele, meiner Freundinnen. 
Egal wie deren Lebenssituation ist, ob sie Single sind, ob sie in einer Beziehung leben, Alleinerziehend oder auch in einer Familie, alle haben grad arg zu kämpfen. 
Ich nehme mich da übrigens auch nicht raus. 

Weißt du was ich tue, wenn ich diese Nachrichten bekomme? Oder wenn ich mit jemandem im Gespräch bin? 

Erst einmal nichts. 
Ich höre zu. 

Am liebsten würde ich diejenige auch einfach mal in den Arm nehmen, doch es geht in diesem Moment nicht um mich und meine Sicht der Dinge. 
Es geht auch in dem Moment nicht darum, dass ich meinem Gesprächspartner eine Lösung biete. 
Für mich, in meiner Welt, geht es darum, die Situation und das Gesagte anzunehmen. 

Etwas Nicht zu sagen, ist mit das schwerste was es gibt. Solche Situationen auszuhalten und anzunehmen ist nichts, was uns beigebracht wurde. 

Wir sind es so gewohnt, dass wir immer und überall in Lösungen denken. 
Negative Gefühle sofort umwandeln in Positive. 
Wenn wir das tun, dann sind wir aber nur bei uns. 

Überlege mal, ob du in so einem Gespräch wirklich einen Auftrag bekommst, eine Lösung zu finden. 
Natürlich möchten wir, dass es unserem Gegenüber wieder besser geht. Das kann ich gut verstehen. 
Jemanden „leiden“ zusehen ist hart. Und klar, es gibt viele gute Übungen und Routinen die absolut helfen, dass es einem besser geht. Außerdem bringt ja auch jeder von uns die eigenen Erfahrungen mit schwierigen Situationen mit, wo andere auch von profitieren können. 

Nun versetz dich doch einmal in die Lage deines Gegenübers. Und ich bleibe beim Beispiel von meinen Freundinnen.

Da ist eine Frau, die Arbeit, Homeschooling/Kinderbetreuung, Haushalt, Beziehung gewuppt bekommen muss. 
Egal, ob sie Unterstützung von ihrem Partner hat oder nicht, das ist eine echt krasse Belastung. 
Abends ist sie froh, wenn sie sich einfach auf das Sofa werfen kann und von Netflix und co abgelenkt wird.
Doch, wirklich entspannent ist das nicht, denn in ihrem Kopf nagt schon das schlechte Gewissen. 
Wieso?

Weil sie doch keinen Sport gemacht hat, wie sie es sich vorgenommen hat. 
Weil sie weiß, eine Auszeit in der Badewanne wäre grad besser- aber ihr fehlt einfach die Kraft dafür. 
Sie weiß, dass die Themen und auch Konflikte aus dem Arbeitsleben nichts bei ihr auf der Couch zu suchen haben, dennoch kreisen ihre Gedanken darum. 

Und das schlechte Gewissen wird immer größer ebenso die Schuldgefühle. Daraus resultiert, ein Gefühl des persönlichen Versagens, dass alles andere übermannt.

Doch wir sind ja stark und taff. Jeder von uns trägt sein eigenes Päckchen und demnach sind wir auch als Einzelkämpfer unterwegs. 
Bloß nicht zu viel von sich und seinen Gefühlen preisgeben. Ganz besonders nicht, wenn es um einen selber geht.
Nachdem sie diesen Kummer eine ganze Zeit mit sich herumgetragen hat, öffnet sie sich ihrer Freundin oder wem auch immer. 

Und das erste was sie hört sind Tipps. Ratschläge, wie sie da wieder rauskommt. 
Übungen, die sie zu ihrem täglichen Soll auch noch tun „Sollte“. 
Weil dann geht es ihr besser. 

Doch ist das wirklich so? Sind unsere Erfahrungen und unser Lernen wirklich der Maßstab aller Dinge? 
Mitnichten! 

Nur weil etwas bei mir gut funktioniert, heißt das nicht, dass es für jemanden anders auch richtig ist. Das wird aber leider oft vergessen. 

Wollen wir wirklich immer nur hören, wie wir wo wieder rauskommen? Ist es nicht auch schön, sich zusammenzusetzen, vielleicht ein Glas Wein und Schokolade zusammen zu vertilgen und jemandem die Möglichkeit zu geben, sich auszuheulen? 

Gestern erreichte mich eine lange Sprachnachricht meiner Freundin. Sie erzählte von ihrem Tag und was so los war. Es ging ihr nicht gut. Es waren nicht nur ihre Worte, die mich berührten, sondern auch ihre Stimme. Traurig, müde und total resigniert. 
Ihr Tag war scheiße. Schlicht und einfach ein echt mieser Tag.

Ich hätte ihr jede Menge aufmunternde Worte schicken können. Ich hätte ihr sagen können, wie sie da wieder rauskommt. 
Doch, das weiß sie selber. Dafür brauchte sie mich gestern nicht. 
Also habe ich zugehört. Ich habe ihr geantwortet, dass ich sie verstehen kann. Das ich sie jetzt mal virtuell in den Arm nehme. Das ich sie lieb habe und es okay ist, einfach mal traurig, fertig und resigniert zu sein. 

Weißt du, was sie geantwortet hat? 
„Danke, dass du einfach nur zugehört hast und mich nicht mit irgendwelchen Ratschlägen und Optimierungen zu getextet hast.“ 

Sie hat im Laufe unseres Gesprächs dann auf einmal Ideen gehabt, was SIE JETZT tun kann, damit es ihr besser geht. 
Und sie schickte mir ein Foto, wo sie wieder lächeln konnte. Das hat sie ganz alleine geschafft. 
Dadurch, dass ich ihr einen Raum gegeben habe, wo sie ihren Kummer loswerden konnte, wurde es für sie leichter. 

Deshalb ist mein Appell an dich; 
Du musst nichts tun. Wenn es grad nicht die Zeit für Selbstfürsorge ist, dann bitte: 
Nimm es an. Es ist okay. 
Wenn du dich mit deiner Freundin unterhältst, höre mal genau hin. 
Gibt sie dir einen Auftrag, wirklich Lösungen für sie zu finden? 
Oder möchte sie einfach nur mal „Dampf ablassen?“ 
Wenn du diese Freundin bist, die sich einfach mal auskotzen möchte, dann sag es. 
Sag deiner Freundin oder auch deinem Partner, dass du ihnen keinen Auftrag gibst, Lösungen zu suchen. 
Sondern dass du dich einfach mal auskotzen musst. Das kann durchaus helfen, ungebetene Tipps und Ratschläge zu vermeiden. 

Und zum Thema Selbstfürsorge. 
Alles immer zu seiner Zeit. Wenn es grad einfach nicht geht, sich hinzusetzen und zu meditieren oder auch Sport zu machen oder was auch immer, dann ist das jetzt halt so. 
Vielleicht geht es morgen. Oder nächste Woche. 
Vielleicht ist es für dich in einem anderen Rahmen möglich.
Aber sich unter Druck zu setzen und zu verurteilen, ist nicht förderlich. 
Feiere dich lieber, für das was du gerade alles schaffst! Das ist bombastisch! 

Komm gut durch die Zeit. Wenn du Fragen hast, oder auch mein offenes Ohr benötigst, dann schreib mir einfach an: ellenellenlutumde

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